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Die agile Hierarchie

Die agile Hierarchie

Universitäten gehören zu den ältesten Organisationen unserer Gesellschaft. Und auch wenn man ihnen nicht nachsagt, besonders flexibel und anpassungsfähig zu sein: In ihrer Grundstruktur sind sie überraschenderweise höchst agil. Kaum eine Organisation ähnlicher Größenordnung ist im Inneren so heterogen strukturiert wie eine Universität oder eine Hochschule: Drei Anspruchsgruppen aus Studierenden, (Verwaltungs-) Mitarbeitern und Lehrenden mit höchst unterschiedlichen Interessen arbeiten gemeinsam unter einem Dach. Vertreter aus diesen Gruppen dürfen als Mitglieder des Senats bei wegweisenden Entscheidungen der Hochschulleitung mitreden. Die Hochschulleitung wird alle fünf Jahre gewählt und muss sich wiederum regelmäßig gegenüber dem Hochschulrat verantworten. Dort sitzen üblicherweise Experten aus Politik, Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft. Sie bringen mit unterschiedlichen beruflichen Hintergründen externe Ansätze in die Organisation und üben eine gewisse Kontrollfunktion aus. Hinzu kommen heterogene Fachbereiche oder Fakultäten, die sich – entgegen jeglicher hierarchischer Strukturen – zum Teil selbst verwalten und gleichberechtigt nebeneinander arbeiten.

Kurzgefasst: In einer Hochschule agieren zahlreiche heterogene Gruppen parallel nebeneinander und sind mal stärker, mal weniger stark mit einander vernetzt. Und genau darum geht es beim grundlegenden Verständnis von Agilität: Im Gegensatz zur klassischen Top-down-Struktur, die auf Homogenität ausgerichtet ist, orientieren sich die einzelnen Organisationsbereiche im agilen Umfeld vertikal und bilden ein Netzwerk. Auf diese Weise werden die Sichtweisen unterschiedlichster Anspruchsgruppen sichtbar. 

Wer jetzt an den bürokratischen Aufbau innerhalb einer Hochschulverwaltung oder an die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Behörden denkt, wird sich einen Anflug von Ironie nicht verkneifen können: Die Zusammenarbeit an dieser Stelle funktioniert meist streng top-down in festgelegten Hierarchien. Dirk Baecker vom Lehrstuhl Kulturtheorie und Management an der Universität Witten-Herdecke begründet diese Ambivalenz mit der historischen Entwicklung unserer Universitäten und Hochschulen: Seiner Ansicht nach wurden hierarchische Organisationsformen in den Universitäten des Mittelalters und der Neuzeit lediglich deshalb eingeführt, um auf Augenhöhe mit der Kirche und den jeweiligen Monarchien verhandeln zu können: „Die Forschungspraxis der Lehrstühle und das gelehrte Wissen der Fakultäten ist jedoch auf eine Art und Weise organisiert, die zu jeder Rangordnung quersteht.“ 

15.000 Menschen und die Frage: Warum ist die Hochschule Niederrhein gut für mich?

An der Hochschule Niederrhein hat gerade ein Projekt stattgefunden, das diese Ambivalenz in Teilen aufgelöst. Bei der Entwicklung eines Markenkerns für die Hochschule – ein Vorhaben, das klassischerweise im Bereich der eher horizontal-hierarchisch organisierten Verwaltung angesiedelt ist – wurde mit einem Ansatz gearbeitet, der bewusst auf eine intensive vertikale Beteiligung ausgelegt ist. In einem kollaborativen Prozess hatten rund 15.000 Menschen die Chance, sich inhaltlich an der Erarbeitung des Markenkerns zu beteiligen. Unter der grundlegenden Fragestellung „Warum ist die Hochschule Niederrhein gut für mich?“ fanden unter anderem Customer-Journeys, Umfragen nach der Delphi-Methode und ein World Café statt. „Mit der Beteiligung aller unserer Anspruchsgruppen wollten wir sicherstellen, dass der Markenkern auch wirklich unser Innerstes zum Ausdruck bringt“, erklärt Christian Sonntag, Pressesprecher der Hochschule Niederrhein und Projektleiter der Markenkernentwicklung den Prozessansatz. „Wir wollten vermeiden, am Ende mit einer mehr oder weniger originellen, aber oberflächlichen Marketingidee dazustehen. Daher haben wir einen kollaborativen Ansatz verfolgt. So hatte bereits die Entwicklung des Markenkerns eine identitätsstiftende Wirkung innerhalb der Hochschule.“

Konzipiert und begleitet wurde die Markenkernentwicklung von Salon für Kommunikation und der Markenagentur sumner groh + compagnie. Steven Sumner, Geschäftsführer und Co-Founder bei sumner groh + compagnie, erklärt rückblickend: „Der agile Grundsatz ‚People over Process‘ hat uns letztlich bei der gesamten Entwicklung des Markenkerns begleitet. Nicht nur in unserer Vorgehensweise und unseren Methoden. Auch das Ergebnis stellt ganz eindeutig den Menschen in den Vordergrund.“ Die Veröffentlichung und Umsetzung des Markenkerns der Hochschule Niederrhein ist im Frühjahr 2019 geplant. 

Weiterführende Links und Literatur
https://www.hof.uni-halle.de/journal/texte/17_1/Baecker.pdf
www.hs-niederrhein.de
www.sumnergroh.com

Bild: view7 über photocase.de