Grundeinkommen zu verlosen

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Wikipedia bezeichnet es als sozialpolitisches Finanztransferkonzept, für viele ist es ein Politikum, an dem sich die Lager unweigerlich in schwarz oder weiß teilen. Und die Schweiz hat es im Juni dieses Jahres in einem Volksentscheid mit großer Mehrheit abgelehnt: Es geht um die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens, bei der ein Staat jedem Bürger unabhängig von seiner wirtschaftlichen Situation einen festgelegten Betrag auszahlt. Bedingungen an die Auszahlung sind keine geknüpft. Der ausgezahlte Betrag soll den grundlegenden Bedarf für ein menschenwürdiges Leben decken; je nach Auslegung des Konzepts würden auf diese Weise andere Sozialleistungen entfallen. In Zeiten von Disruption, wegbrechenden Märkten und einer Zunahme von sogenannten prekären Beschäftigungsverhältnissen gilt das Grundeinkommen als ein Konzept gegen überbordende Sozialleistungen und die Stigmatisierung von Erwerbslosen. Finnland will die Idee auf die Probe stellen und startet in 2017 einen Piloten mit 1.000 Probanden, bei denen Arbeitslosengeld und Sozialhilfe durch ein Grundeinkommen ersetzt werden sollen. Vorrangiges Interesse sind hier sowohl die Frage nach schlankerer Bürokratie als auch die Überlegung nach einer besseren Teilhabe am Arbeitsmarkt.

Mit dem Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens stellt sich automatisch die Frage nach dem Stellenwert von Arbeit und ihrer Entlohnung: Nützt es einer Gesellschaft etwas, wenn sie nicht nur marktorientierte Tätigkeiten fördert, sondern auch die Selbstverwirklichung des Einzelnen? Kritiker schreien an dieser Stelle meistens lauthals „Nein“, da sie befürchten, dass auf diese Weise gering Verdienende oder Erwerblose einen starken Anreiz erhalten, gar keiner bezahlten Tätigkeit mehr nachzugehen. Ganz anders beurteilt der Verein „Mein Grundeinkommen“ die Situation: „Menschen sind vor allem soziale Wesen und arbeiten nicht nur wegen des Geldes“ heißt es dort. Unter anderem um diesen Beweis anzutreten, verlost die Initiative in regelmäßigen Abständen ein Grundeinkommen. Über zwölf Monate verteilt werden an den Gewinner jeweils 1.000 EUR ausgezahlt. Ohne Bedingungen. Finanziert wird das Ganze durch Crowdfunding und es scheint zu funktionieren: In den zwei Jahren seit der Gründung von „Mein Grundeinkommen“ wurden bereits 52 Grundeinkommen finanziert. Am 23. August ist es wieder soweit: Ganze acht Grundeinkommen sollen unter allen Bewerbern verlost werden.

Stellt sich die Frage „Warum das Ganze?“. Befürworter des Grundeinkommens argumentieren sowohl ökonomisch als auch gesellschaftlich. Zum einen orientiert sich unser Arbeitsmarkt laut Grundeinkommenverfechter und Drogeriegründer Götz Werner nicht an Angebot und Nachfrage, weil ein starker Zwang zur Erwerbsarbeit existiert. Stattdessen würden dringend notwendige Arbeiten, beispielsweise im sozialen Bereich, schlecht bezahlt. Andere, gesellschaftlich weniger relevante Tätigkeiten liegen jedoch im Lohngefüge deutlich über dem Durchschnitt. Dies könnte sich durch ein bedingungsloses Grundeinkommen ändern. Über kurz oder lang müssten für gesellschaftlich wichtige Tätigkeiten attraktive Arbeitsverhältnisse geschaffen werden, wenn Arbeitnehmer mit niedrigem Einkommen mit Hilfe eines Grundeinkommens vor die Wahl gestellt würden. Zum anderen sind die Befürworter des Grundeinkommens davon überzeugt, dass es die Autonomie der Arbeitnehmer und insbesondere der weiblichen Arbeitnehmerinnen stärkt. Gleichzeitig wird immer wieder darauf verwiesen, dass Umfragen zu Folge die große Mehrheit im Falle eines Grundeinkommens weiter arbeiten würde. Diejenigen, die ein Grundeinkommen beziehen oder bezogen haben, berichten davon, dass sie verstärkt ihre eigenen Geschäftsideen verfolgt hätten oder die Chance für Weiterbildungen und Umschulungen ergriffen haben – bedingungsloses Grundeinkommen wird somit als innovationsfördernd angesehen. Wie dem auch sei – zur Verlosung geht´s hier lang:
https://www.mein-grundeinkommen.de/start

Ein Interview mit dem Gründer von Mein Grundeinkommen findet sich in der Print-Ausgabe Nr. 2 des alternativen Politikmagazins Kater Demos: www.katerdemos.de

Und beim renommierten Gottlieb Duftweiler Institut fand jüngst eine hochkarätig besetzte Diskussionsveranstaltung zum Thema statt:
http://www.gdi.ch/de/Think-Tank/Es-fuehrt-kein-Weg-am-Grundeinkommen-vorbei

Bild: REHvolution.de / photocase.de